Vom Fan zum Kunden - Vom Spiel zum Event
"Anfeuern darf man immer. Fluchen darf man nicht, ärgern tut man sich schon. Als ich noch Pfarrer war, hat mein damaliger Hausarzt einmal gefragt, ob ich im Keller des Pfarrhauses einen schalldichten Raum habe, um meine Aggressionen herauszulassen. Das hat mir zu denken gegeben. Und ich bin drauf gekommen, dass der Besuch auf dem Fußballplatz eine Funktion in diese Richtung hat. Ich lasse Aggressionen im Stadion,..." (von Markus Rohrhofer; DER STANDARD - Printausgabe 15. April 2008).
Und mit ihm tun dies Woche für Woche unzählige Menschen rund um den Globus. Es ärgert sich der Pensionist neben dem Schüler, es flucht der Arzt neben dem Arbeiter und es schreit der Student neben dem Lehrling.
Das Stadion als Freiraum
Der Erziehungswissenschafler und Mitbegründer des Fan-Projekts in Berlin Helmut Heitmann beschreibt das Stadion "als einen Platz, an dem man sich Dinge leisten kann, die man sich anderswo nicht leisten darf. Ein Ort, an dem man Blödsinn machen kann, den man andernorts so nicht machen darf." Heitmann führt weiter aus, dass das Stadion und der Fußballverein über eine "Form von Lokalborniertheit" verfügen. Borniert meint beschränken und ist im allgemeinen Sprachgebrauch negativ behaftet. Wenn man sich Heitmanns weitere Argumentation ansieht, wirkt diese Borniertheit jedoch als sinnstiftend und positiv. Heitmann führt weiter aus, dass "der Fußballverein - und damit auch das Fan-Sein - für viele wie ein roter Faden ist, der sich durchs Leben zieht, ein roter Faden, der ansonsten in unserem aktuellen Leben angesichts von Arbeitsmarkt-Globalisierung und vielen Brüchen so nicht mehr vorhanden ist. Und, kurzum, das Stadion, der Fußballverein auch ein Ort ist, an dem man Alltagsstress und die Alltagserlebnisse hinter sich lassen kann,...".
Die Vereine und ihre soziale Verantwortung
Diese Sichtweise des Stadions soll veranschaulichen, dass Fußball mehr ist, als ein Spiel über 90 Minuten. Die Fußballvereine erfüllen eine soziale Funktion. Sie sind regionale Institutionen mit einer Vielzahl an Aufgaben und einer großen Verantwortung, derer sie sich Bewusst werden sollten. Vor allem für junge Menschen ist der Verein Anziehungspunkt. Die einen lernen beim Verein fußballspielen, die anderen sind Woche für Woche im Stadion und feuern die Mannschaft an. Die soziale Funktion ist dieselbe: Freizeitbeschäftigung, das Knüpfen von sozialen Kontakten, das Erlernen des Verhaltens in Gruppen und damit verbundener sozialer Zugehörigkeit zu eben einer Gruppe oder auch der Gesellschaft.
Vor allem die aktive Fankultur zeichnet sich durch Solidarität in der Gruppe, einem kritischen Umgang mit Entwicklungen in ihrem Umfeld und Treue zum Verein aus. Diese Werte werden in den Gruppen vermittelt und im Stadion gelebt. Eine lebendige und kritische Subkultur, wichtig für die Entwicklung der jungen Menschen und wichtig für eine demokratische Gesellschaft. Durch den Wandel der Vereine von regionalen Institutionen mit sozialer Verantwortung hin zu Wirtschaftsunternehmen (AG, GmbH, etc.) wird der Freiraum Stadion, mit seinen vielfältigen Funktionen für jeden Besucher, zu einer privatwirtschaftlichen Veranstaltung mit kräftig zahlenden Kunden. Ein Bayern-Fan beschriebt die Situation wie folgt:"... die Stadien selbst bekommen einen virtuellen Disney-World-Charakter, mit Videotafeln und einer Show, die so ohrenbetäubend ist, dass vor dem Spiel im Prinzip keinerlei Artikulation seitens der Zuschauer mehr möglich ist." Das Spiel wird zum Event.
Der Torschrei als werbeträchtiger Rülpser
Andreas Buderus, seineszeichens Dipl.-Sozialpädagoge, der jahrelang mit den Fans des FC Köln gearbeitet hat, beschreibt diese Wandlung vom Spiel zum Event (bereits vor der WM 98) folgendermaßen:
"Früher gab es bei Fußballspielen immer nur zwei Fangruppen: Die der Heimmannschaft und die der Gastmannschaft. Heute gibt es noch die Sponsoren-Fans. Sie stellen bei der WM die größte Gruppe und sind ebenso auswechselbar, wie das Produkt, für das sie gerade Werbung laufen, ebenso geschmacksneutral und voll recyclebar. Der Torschrei im Stadion, seit Generationen Ausdruck angestauter libidinös objektbesetzter Energien meist männlicher Sportbegeisterter, verkommt zum werbeträchtigen Rülpser für millionenschwere, weltweit operierender Multis."
Mittlerweile benötigen Fußballvereine enorme finanzielle Mittel um ihr Überleben zu sichern. Wenn man dabei allerdings auf die Seele des Vereins - jene Fans die auch bei Minusgraden ihrem Verein überall hin folgen und den Stadionbesuch, neben gepflegtem Fußball, so richtig prickelnd machen - vergisst, ist der ganze Aufwand nichts wert. Dann entwickelt sich der schönste Sport der Welt in eine ganz falsche Richtung.
Wer Spruchbänder mit der Aufschrift "GEGEN DEN MODERNEN FUSSBALL" bisher nicht verstanden hat, tut dies vielleicht jetzt.
Quellen:Buderus, Dembowski, Scheidle; Das zerbrochene Fenster. Hools und Naziskins zwischen Gewalt, Repression, Konsumterror und Sozialfeuerwehr; Bonn: Pahl-Rugenstein Verlag 2001. Koordiantionsstelle Fan-Projekte bei der Deutschen Sportjugend (Hg.); Verordnete Defensive. Ausgewählte Dokumente der 6. und 7. Bundeskonferenz der Fan-Projekte in Karlsruhe und Berlin sowie der 3. Fan-Projekte-Werkstatt in Nürnberg. Frankfurt am Main 2000.
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